Das große, eiserne Gefängnistor ging kreischend auf und ich stand unschlüssig auf der Strasse.
Sie hatten uns alle 11 aus unserer Zelle um 6 Uhr morgens zum Haareschneiden im Korridor aufgestellt. Einer nach dem anderen mußte sich auf einen Drehstuhl setzen und ein schmieriger, grinsender Jemand schor unsere Haare bis auf Null. Alle mit derselben handbetriebenen Schermaschine. Alles junge Typen, mehrheitlich Gassenjungen, die am Samstagabend, wie ich, von der Miliz aufgegriffen worden waren, Gottweiss wegen welcher Vergehen. Ich zumindest wußte weshalb: Es spielte ein neuer amerikanischer Spielfilm, die Kino-Karten waren, wie meistens in solchen Fällen, schon von Schwarzhändlern aufgekauft worden. Zusammen mit zwei Schulkolleginnen und einem Kollegen wollten wir den „letzten Tag der Freiheit“ vor Beginn des Studentenlebens am kommenden Montag feiern und beschlossen ins Kino zu gehen. Den Kartenkauf im Schwarzhandel übernahm ich für uns alle, konnte aber nur drei Billets erhaschen, wenn auch zum doppelten Preis. Was sollten wir nun tun? Wir beschlossen zu versuchen die fehlende Karte doch noch zu ergattern, und wenn nicht, wollten wir alle auf den Film verzichten und die drei Karten wieder verkaufen. Die Zeit bis zum Filmbeginn drängte, ich fand keine Karte mehr und mußte nun eilends die drei, die wir schon hatten, abbringen. Auf der anderen Strassenseite meinte ich plötzlich einen Mann zu erkennen, der im samstagabendlichen Passantengedränge herumstand, was ich als Ausschau-Halten nach Kino-Karten deutete. Ich rief meinen Freunden schnell zu, sie sollten einen Augenblick warten und rannte zwischen zwei Trams hinüber. Der Mann ging sofort auf mich zu und gab zu verstehen, daß er gerne meine Karten haben wolle. Er fragte nach dem Preis und zückte das Portemonnaie. Aus diesem holte er aber, nachdem ich ihm natürlich den Schwarzhandel-Einstandspreis genannt hatte, eine Polizeimarke heraus und erklärte mir, ich sei wegen Schwarzhandels verhaftet. Auf meine Proteste, ich hätte ja nur beabsichtigt die selbst im Schwarzhandel gekauften Kino-Karten verlustfrei weiterzugeben, zuckte der Agent nur mit den Schultern und meinte, das könne ich dann dem Untersuchungsrichter erzählen, ich müsse sofort mitkommen. Verzweifelt versuchte ich wenigstens meine Kollegen auf der anderen Strassenseite zu benachrichtigen, konnte aber niemanden sehen, die Trams versperrten mir die Sicht. Schweigend ging es nun im Eilschritt, den der eher kleingewachsene, dünne Agent einschlug, durch die Strassen zur nicht allzuweit gelegenen Hauptwache. Durch mehrere Korridore und Treppen gelangten wir schließlich in einen größeren, von einer Neonröhre erleuchteten Raum, in dem auf Holzbänken rundum mehrere junge Kerle saßen. Der Agent schrieb meinen Namen auf, deutete mir mich zu setzen, man werde mich rufen, und ging in einen Raum mit der Aufschrift „Untersuchungsrichter“. Ich setzte mich in eine Ecke und lehnte mich an die Wand.
Das konnte ja lustig werden falls die mich da behielten. Am Montagmorgen wäre die Erstvorlesung an der Uni, die ich auf keinen Fall verpassen wollte. Endlich war ich die ganze Plagerei mit der Mittelschule los. Wegen des Krieges, und weil man mir nicht einmal die rumänische Volksschule anerkannt hatte, musste ich alles schon Absolvierte wiederholen, selbstverständlich auch die an deutschen Schulen gemachten vier Gymnasialklassen. Das hieß private Separatprüfungen ablegen, jedes Jahr zwei Schulklassen, in sechsmonatigen Abständen. Das war nicht ohne Nachhilfeunterricht möglich gewesen.
Damals lebten wir in einem Provinznest ca. 100 km östlich von Zagreb, wo Opa den Wiederaufbau der im Krieg verwüsteten und aller Einrichtungen beraubten Orts-Apotheke leitete. Er war damals schon 77, aber gezwungen in diesem Alter noch einem Erwerb für die Familie nachzugehen, nachdem ihm von den Kommunisten alles enteignet worden war: Medikamentenfabrik, Apotheke in Zagreb, Heilpflanzen produzierendes Gut von 300 ha Land, alles. Auch diese rettende Stelle hatte er nur durch Vermittlung eines ihm von Vorkriegszeiten her befreundeten Arztes erhalten, der jetzt als KP-Mitglied Gesundheits-Minister in der kroatischen Teilrepublik geworden war.
Die Prüfungen mußte ich am Untergymnasium von Garešnica ablegen, wie der Ort hieß. Die Prüfungen schaffte ich nur dank der Fähigkeit auch peripher Wahrgenommenes zu memorieren und das Wenige so zu kombinieren, daß es für die nicht allzu hohen Ansprüche der Prüfungskommission reichte. Die war sowieso nicht darauf aus, den Enkel des Apothekers, der zudem noch als Freund eines Ministers galt, sausen zu lassen.
So ging das einige Zeit, bis ich schließlich mit den Privatprüfungen aufgeholt hatte und dann am II. Klassischen Gymnasium in Zagreb die letzten vier Jahre im Normalunterricht abschließen konnte. Wir waren inzwischen wieder in die Wohnung der Großeltern nach Zagreb gezogen, wo Großvater eine andere Stelle beim Amt für Heilkräuterkontrolle erhalten hatte. Ich hatte mir jetzt beim regulären Unterricht Mühe gegeben und war auch unter diesen Verhältnissen ein sehr guter Schüler. Und dann kam – für mich völlig unerwartet – die Frage der Studienwahl. Ich hatte mich darauf überhaupt nicht vorbereitet, mein Horizont endete damals mit der Vorstellung, endlich die mühselige Gymnasialzeit abzuschließen. Was für einen Beruf ich ergreifen sollte, war mir nicht in den Sinn gekommen. Meine Freunde aus der Clique sagten immer wieder, „Alex, das Jurastudium ruft dich!“. Aber wenn ich mir vorstellte, das ganze römische Recht auswendig lernen zu müssen, wurde mir schlecht. Viele andere Studien-Fächer waren mir genausowenig interessant, z. B. Wirtschaft, die Orso gewählt hatte. Sprachen waren mir zu flau, ich sah mich gar nicht als Gymnasiallehrer, oder so was ähnliches, und an die Technik, die mich noch am meisten gereizt hätte – das hatte ich vermutlich vom Vater – an die traute ich mich nicht heran, in der Meinung, ich sei für Mathe zu unbegabt. So kam es schließlich, daß ich mich von Mama überzeugen ließ, Medizin sei das Richtige: es dauere zwar lange, dann sei man aber nicht nur ein gemachter Mann mit entsprechendem Ansehen, den keine politischen, oder kriegerischen Wirren belangen würden, da man Ärzte immer und überall brauche, sondern man sei auch alle materiellen Sorgen los, ein Arzt sei noch nie an Hunger gestorben.
So meldete ich mich schliesslich an der Medizinischen Fakultät an. Dank meines guten Maturazeugnisses mußte ich dann nur die schriftliche und keine mündliche Aufnahmeprüfung leisten. Ich war deshalb voller freudiger Spannung, auf das Studium, die Kollegen, die ganze Athmosphäre, alles.
Und nun das: ich war verhaftet, ohne zu wissen was noch daraus werden sollte.
Aus meinen Erinnerungen, in die ich mich hineingeträumt hatte, wurde ich herausgerissen, als neben mir einer nach dem anderen aufgerufen wurde und immer neue, manche auch in Handschellen, hinzukamen. Schliesslich ging die Türe zum Untersuchungsrichter auf, ein Milizionär rief „Aleks Vorna“. Ich trat ein. An einem länglichen Tisch saßen ein Mann und eine Frau, seitlich befand sich ein Schreibmaschinenpult, an welchem eine Sekretärin die Protokolle schrieb. Der Mann fragte meine Personalien ab, bei der Frage „Beruf“ sagte ich „Student“. Höhnisch kommentierte er: „ja, die haben wir besonders gerne, sind quasi die Nutznießer des Sozialismus und befassen sich mit Kleinkriminalität“. Ich schwieg. Das hatte ich schon gelernt, daß man in solchen Situationen am besten den Mund hält. Die Frau las mir jetzt den Haftrapport vor, es war im Wesentlichen das, was mir der Agent schon vorgehalten hatte. Dann wollte sie meine Darstellung hören und ich schilderte den Ablauf der Geschichte, so wie es war. Ich hatte dabei den Eindruck, daß sie mir glaubte, mehrmals flüsterte sie dem Untersuchungsrichter etwas zu, dann war es fertig. Der notierte sich etwas, dann sah er auf und teilte mir mit, daß ich wegen „berechtigten Verdachtes auf Vergehen gegen die Handelsgesetz-Ordnung“ eine Nacht inhaftiert bleiben müsse. Man schob mir das Protokoll vor, ich las es aufmerksam durch – man weiß ja nie? – und unterschrieb. Fertig. Man deutete mir eine andere Türe, als jene durch die ich eingetreten war. In diesem Raum, nicht viel anders als der vorherige, befand sich die gleiche Meute wie vorhin. Ich hatte keine Zeit mich zu setzen, ein Milizionär führte uns die Treppe hinab auf einen schwach erleuchteten Innenhof, wo wir uns in Zweierreihe aufstellen mußten. Ein zweiter Milizionär gesellte sich hinzu, sie stellten sich seitlich von uns auf. Dann hatte ich ein „déja-vu“-Erlebnis: eine Art Feldwebel, klein, gedrungen, mit Schnauz, in Reithosen und Stiefeln, stellte sich breitbeinig vor uns auf und begann ein Gebrüll, dabei dauernd mit einer Reitgerte auf seinen Stiefel schlagend.
„Ihr gottverlassenen Kreaturen ihr, was glaubt ihr wohl, wo ihr seid? Ihr seid im sozialistischen föderativen Jugoslawien, in welchem es unter der Führung von unserem Marschall Tito keine kapitalistischen Auswüchse und keine Kriminalität mehr geben wird, die werden wir euch schon austreiben, dazu haben wir die Mittel! Und jetzt kehrt-marsch, ich will keinen Mucks hören, sonst knallt’s!“
Sie führten uns nun ins Erdgeschoß, einen Korridor entlang und je 10 Mann wurden wir in Zellen geschoben. In einer Ecke befand sich ein zerbeultes Blechfaß mit einem Deckel für die Notdurft, den Wänden entlang standen Holzbänke, eine in der Raummitte alleine. An der einen Seitenwand, hoch unter der Decke, ein Stellfenster mit Gitterstäben dahinter. So also sah eine Gefängniszelle aus. Ich versuchte mir ein Liege-Plätzchen zu finden, möglichst ohne allzuviel Gestank von den Nachbarn. Die hatten sich schnell arrangiert, die Stärkeren eroberten sich die bequemeren Ecken, auch mal mit einer drohenden Faust im Gesicht des Konkurrenten. Die Mittelbank blieb als unbequemste leer. Ich fand in etwas Abstand von anderen genügend Platz auf einer Seitenbank, rollte meinen Raglan-Mantel unter den Kopf, lehnte mich mit dem Rücken an die Wand, schloß die Augen und versuchte zu schlafen, indem ich die grelle, in einem blechernen Lampenschirm steckende Birne an der Decke mit der Hand vor meinem Gesicht abdeckte. Es war inzwischen Mitternacht, die meisten lagen schon auf den Bänken, und ich spürte die Müdigkeit, trotz harter Bank und der unangenehmen Kühle im Rücken, die von der feuchten Wand herrührte. In einer Ecke saßen zwei am Boden und spielten Karten, machten aber sonst keinen Krach, im Unterschied zu einer Dreiergruppe, die miteinander haderten, wer von ihnen Schuld sei an der Verhaftung. Trotz allem muß ich eingeschlafen sein, als ich plötzlich aufwachte, weil die Bank auf der ich lag wackelte. Ich schoß hoch und merkte, daß ein kaum 12-13jähriger, der die Bank mit mir und noch einem anderen teilte, heftig schnaufend in seiner Hose herumfummelte. Das war mir zuviel und ich wechselte auf die Mittelbank, die ich nun alleine für mich hatte, mit dem Nachteil, daß kein Halt für den Rücken bestand. Da sie aber etwas breiter war als die vorherige, konnte ich – auf der Seite liegend – die Knie ein wenig anwinkeln und so eine stabilere Lage finden.
Der Morgen begann mit einer schrillen Alarmglocke als Zeichen zum Frühstückfassen. Es war knapp 6.30 Uhr, die Zellen wurden eine nach der anderen aufgeschlossen und die Insassen mußten sich zu einer Korridor-Verbreiterung begeben, wo aus einem Wagen mit einem Kessel, Kaffee und Brot verteilt wurden. Ich war so steif, daß ich mich kaum bewegen konnte und für die heiße, schwarze Suppe, die sich stolz Kaffee nannte, richtig froh. Dann wurden wir wieder in die Zellen geschlossen, alle schwiegen, schlürften den Kaffe und kauten am Brot. Ich wartete gespannt auf meine Entlassung und bei jedem Schritt, den ich auf dem Korridor näherkommen hörte, glaubte ich schon den Schlüssel im Schloß zu vernehmen, der mir die Freiheit wiederbringen sollte. Doch es vergingen Viertelstunde um Viertelstunde – und es passierte nichts. Na ja, jetzt müßte man sich aber bemerkbar machen, sonst vergessen die einen noch. Andererseits, dachte ich, könnte das aber auch falsch aufgefaßt werden und mir unnötige Scherereien einbringen. Vielleicht ist es eben Samstagsbetrieb im Gefängnis, da geht es möglicherweise auch mit den Entlassungen etwas langsamer. Also – abwarten.
Es wurde Mittag, wieder schrillte der Alarm und wir wurden abermals in die Korridorverbreiterung komplimentiert. Der Wärter verteilte diesmal, schweigend, in Blechgamellen Erbsensuppe mit etwas Speck drin. Als ich drankam, nahm ich mir ein Herz und fragte geradeheraus, was denn mit meiner Entlassung sei. Ohne mich anzusehen krächzte der Wärter „am Samstag gibt’s keine Entlassungen, erst am Montag“. Ich erkannte, daß weiteres Reklamieren, ich wäre ja nur zu einer Nacht und nicht für drei verdonnert worden, nichts nützen würde und schwieg.
Da hatte ich jetzt das Theater: kein Mensch wußte wo ich war, die Kollegen hatten wohl kaum mitbekommen was geschehen war, Mama wird in Panik sein. Daß der 22jährige Sohn mal eine Nacht nicht heimkommt, wäre nicht einmal so schlimm, auch wenn das bisher nie passiert war, aber dann 2 Tage und 3 Nächte…? Und was wird Montag mit der Uni sein? Ich war niedergeschlagen und suchte krampfhaft nach einer Lösung, mindestens Mama benachrichtigen zu können. Es fiel mir nichts ein, resigniert legte ich mich wieder auf meine Bank und versuchte mich dösend vor dem Herumstudieren zu flüchten.
Der Abend kam und wieder eine Nacht. Am Sonntagmorgen war ich schon weniger beeindruckt und verlangte in etwas energischerem Ton nach einer Zeitung. Der mürrische Wärter gab darauf keine Antwort, aber etwa eine halbe Stunde später schob Jemand eine alte Illustrierte durch die Durchreiche in der Zellentüre. Nun konnte ich mir doch ein wenig die Zeit vertreiben, ich hätte auch nie gedacht, was man alles in einer schon gelesen geglaubten Zeitung alles findet und wie interessant beispielsweise schon allein das Impressum sein kann.
Am Sonntagabend näherte sich mir einer der Rädelsführer der Jugend-Gangs und sprach mich an, ob ich, der anderntags entlassen werden sollte, für ihn einen Kassiber, eine Nachricht an Jemanden außerhalb, überbringen würde. Ihn werde man am Montag in ein Jugendgefängnis zur Zwangsarbeit bringen, verlegen meinte er, er habe eben schon zuviel am Kerbholz. Ich sagte zu und er gab mir einen x-mal auf Briefmarkengröße zusammengefalteten Zettel und meinte, die Adresse befinde sich darauf, ich werde das Haus an der Stadt-Peripherie schon finden. Und im Übrigen, er habe Vertrauen zu mir, daß ich damit nicht zur Gefängnisleitung gehen und ihn verpetzen werde, auch sei er sicher, ich würde seine Bitte erfüllen und die Nachricht überbringen.
Später, in der Nacht – ich konnte lange nicht einschlafen weil ich mir alle möglichen Varianten ausmalte, wie das morgen mit der Uni werden sollte – kam mir plötzlich in den Sinn, daß ich auf dem besten Wege sei, mich als „Gefängniskumpel“ zu verhalten, ja sogar ohne zu merken, dem Kerl gegenüber eine Art „Ganovenehre“ an den Tag gelegt hatte! Ich mußte schmunzeln: wie schnell sich das Verhalten eines Menschen ändern kann, je nachdem in welchem Milieu er sich befindet.
Ja und dann kam am Montagmorgen die Katastrophe mit dem Kahlgeschorenwerden, einem unumstößlichen Gefängnisbrauch damals. Nun stand ich vor dem Gefängnistor und traute mich nicht wegzugehen, aus lauter Angst, ich könnte unterwegs – übrigens, wohin eigentlich? – irgend jemandem begegnen und als „Zuchthäusler“ angesprochen werden. In diesem Aufzug, zerknittert, ungepflegt, unrasiert, mit Zuchthäuslerfrisur – wo konnte ich mich so sehen lassen? An der Uni – die Vorlesung beginnt in 3 Stunden – sicher nicht. Nach Hause? Mama trifft der Schlag. Es bleibt nur eine Möglichkeit: ich muß zu Orso, meinem in der Nähe wohnenden besten Freund, und mich mit ihm beraten.
Mit gesenktem Kopf marschierte ich los, so unmerklich wie möglich herumschielend, im Bemühen ja niemand Bekannten zu treffen. Bei Orso’s Haus angelangt, rannte ich atemlos die Treppe hoch, läutete Sturm, Orso stand in der Türe, sah mich einen Augenblick an und krümmte sich vor Lachen. Gereizt schob ich ihn hinein und erzählte ihm kurz was geschehen war. Er hatte sich unterdessen beruhigt, und mittlerweile war auch Frau Wolf, seine Mutter hinzugekommen. Trotz aller Belustigung zeigten sie Verständnis und boten mir eine alte Baskenmütze von Orso an. Eilends verabschiedete ich mich und rannte wieder los. Auf der Straße zog ich die Mütze bis an die Ohren und überlegte mir, auf welche Art ich mich an der Uni präsentieren sollte. Die Mütze könnte ich ja wohl kaum während der Vorlesung auf dem Kopf behalten, es mußte also etwas anderes her.
Mama machte mir auf und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, weinend fiel sie mir in die Arme. In wenigen Worten erzählte ich meine Geschichte und bat sie um Rat. Vorerst mußte ich aber mit ihr in die Küche gehen und etwas essen. Während ich mein Butterbrot kaute, setzte sie sich, wieder gefaßt, auf einen Schemel neben mich und überlegte, dabei immer wieder über meinen geschoren Schädel mit der Hand streichelnd. Sie stellte dabei fest, daß der Gefängnisfriseur schlechte Arbeit geleistet hatte, holte eine Schere und korrigierte den Schnitt, so daß die Haare überall gleich kurz wurden. Dann setzte sie sich wieder und meinte, wenn ich mich schon wegen dieses Aussehens schämte, wäre es das einfachste eine Kopfverletzung vorzutäuschen, indem man eine Mullbinde drum herum wickelte. Die Idee gefiel mir. Mama holte ein Verbandspäckchen, machte um die Stirn herum einige Schlaufen und befestigte sie mit Pflaster. Um es echter aussehen zu lassen, machte ich seitlich noch einige Jodflecken dran, es sah wirklich aus, wie wenn aus einer darunterliegenden Wunde noch etwas ausgeflossen wäre. Mama war mit dem Ergebnis ebenfalls zufrieden und meinte nur, die dazugehörige Geschichte müßte ich mir nun selbst ausdenken.
Was ich unterwegs zur Uni auch tat: es würde glaubhaft klingen, wenn ich erzählte, ich sei am Samstag bei einem Ausflug mit einem Bekannten, als Beifahrer auf dessen Motorrad, bei einem Sturz verletzt worden. Kaum hatte ich mir diese Geschichte ausgedacht, als ich auch schon den ersten Kollegen traf. Ich kannte ihn noch vom Gymnasium her, die Geschichte kam gut an, der Kollege zeigte sich teilnahmsvoll und beeindruckt. Und so geschah es auch bei den weiteren Treffen. Immer wieder sprach mich Jemand auf meine vermeintliche Kopfverletzung an und ich lieferte prompt meine Unfallgeschichte, je länger je blumiger und mit immer mehr Détails. Langsam begann ich auch selbst daran zu glauben: wie mein motorradbegeisterter Freund, mit dem ich einen Ausflug nach Bled in Slowenien unternommen hatte, auf der Rückfahrt, in einer Kurve, von einer plötzlich vor uns stehenden Kuh überrascht worden war. Auf der Naturstrasse, im Bemühen der Kuh auszuweichen, seine wir beim bremsen weggerutscht und beide umgestürzt. Dabei sei ich unter das Motorrad gefallen und leider mit dem Kopf an den heißen Auspufftopf geraten, wobei ich mir eine tiefe Platzwunde und zusätzliche Verbrennungen am behaarten Kopfteil zugezogen hätte. Deshalb habe man mir im Spital von Novo Mesto, wohin wir beide von einem Autofahrer hingebracht worden waren, die Haare geschnitten. Meinem Freund sei sonst außer ein paar Hautschürfungen und Blutergüssen an Knie und Hüfte nichts passiert. Auch ich selbst hätte einige Prellungen davongetragen. Glaubwürdigkeitshalber produzierte ich ein leichtes Hinken, sonst sei ich, mit Ausnahme der Kopfverletzungen, mit dem Schrecken davongekommen. Das Motorrad habe beim Unfall nicht viel gelitten, einzig ein Fußraster habe sich verbogen und die Streuscheibe des Scheinwerfers sei aus ihrer Halterung gefallen, das habe der Freund aber reparieren können und wir seien dann doch noch mit dem Motorrad heimgefahren.
Da wurden die Saaltüren der großen Aula geschlossen und ich mußte meine Story abschließen. Meine kleine Zuhörergruppe suchte sich Sitzplätze, es war alles gerammelt voll, sogar hinter den letzten Reihen standen noch welche, es waren über 600 Studienanfänger da, die den Begrüßungsworten des Dekans zuhören wollten. Es war heiß und roch nicht besonders gut. Ich zwängte mich neben einen Schulkollegen irgendwo in der Mitte der überhöht ansteigenden Sitzreihen, der Dekan betrat den Hörsaal, alles stand auf und trommelte auf die Holzpulte. Beim Wiederhinsetzen leuchtete plötzlich schräg vor mir, in der ersten oder zweiten Sitzreihe, ein hellblonder Roßschwanz auf. Hm, sagte ich mir, den muß ich mir mal gelegentlich näher ansehen.
Der Dekan machte nicht allzulange, es wurde wieder getrommelt, dann strömte alles hinaus in den marmornen Vorraum. Endlich mal wieder bessere Luft, meinte mein Kollege und zog mich mit sich zu einer Gruppe anderer, ebenfalls aus dem Gymnasium bekannter Kameraden. Wieder mußte ich meine Unfallgeschichte zum Besten geben, trotzdem fand ich den Blondschopf auch während des Erzählens unschwer quer auf der anderen Vorraumseite. Als ich mit dem Erzählen fertig war, versuchte ich wieder den Roßschwanz ausfindig zu machen, es war aber in dem Gedränge unmöglich. Da mußte ich mich doch wohl gedulden und einen günstigeren Augenblick abwarten.
Der wunderschöne Herbsttag bewog mich am Nachmittag den Hügel hinauf zu den Tennisplätzen zu gehen, vielleicht würde ich jemanden aus der Clique antreffen. Orso und Itzo waren am Spielen, unterbrachen aber sofort, als ich auf den Playground kam und wollten ganz détailliert wissen was da eigentlich über das Wochenende passiert war. Wir setzten uns mit einer Limonade vor das Klubhaus und ich erzählte den ganzen echten Hergang. Sie waren halb amüsiert, halb betroffen, so was hatte noch keiner von ihnen erlebt, und ein Gefängnis von innen hatten sie auch noch nie gesehen. Besondere Aufmerksamkeit löste dann aber meine Beobachtung über den blonden Rosschwanz aus, sie fanden ich sollte diesen auf jeden Fall weiter im Auge behalten. Besonders Orso, mein bester Freund. drängte, denn er hatte ja eine Freundin, die Meda aus meiner ehemaligen Gymmi-Klasse, ich aber war zur Zeit solo, zumindest was eine feste Beziehung betraf. Seit meiner Trennung von Voja, ebenfalls einer Schulkameradin, hatte ich keine Freundschaft von Dauer.
Das mit Voja war eine etwas verzwickte Beziehung gewesen. Wir verliebten uns vor etwas mehr als 3 Jahren, als ich nach der Aufholjagd mit den privat nachgeholten Schuljahren neu in die 5. Klasse am Klassischen Gymnasium gekommen war. Sie war schlank, hatte braunrote, naturgewellte Haare, schöne Beine, eine Altstimme und einen herzigen roten Muttermalfleck auf der Stirne, den sie immer mit einer Locke im Stil der 20er Jahre zu verdecken suchte. Sie war gemütswarm und wir verstanden uns auf Anhieb gut. Jeden Abend, wenn wir im üblichen Wochenturnus Nachmittagunterricht hatten, begleitete ich sie nach Schulschluß nach Hause, auch wenn sie am entgegengesetzten Stadtende wohnte. Es waren herrlich romantische Herbstnebelabende, es nachtete früh, und wir schlenderten eingehakt oder Hand in Hand, im dichten Bodennebel vom übrigen Geschehen um uns herum abgeschirmt, wie in einer eigenen, lautlosen Watte-Welt. Ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Schimpfe zu Hause standen wir manchmal noch fast eine ganze Stunde vor ihrer Gartentüre und redeten. Voja schielte dabei Immer wieder zum ebenerdigen alten Haus hin, welches sich am Ende eines kurzen Gartenweges hinter mehreren Obstbäumen versteckte, aus Angst, ihre Mutter könnte etwas merken. Wir konnten uns deshalb außerhalb dieser Heimweg-Abende nur noch sonntags Vormittag auf dem Zentralfriedhof, am Grab ihrer Großmutter, treffen. Wohl war ihre Mutter erstaunt über die plötzlich aufgekommene Anhänglichkeit zur schon vor Jahren verstorbenen Großmutter, aber – wie Voja meinte – habe sie weiter keinen Verdacht geschöpft. Später zeigte sich auch der Grund für die strenge Aufsicht von Voja’s Mutter: diese habe Voja aus einer außerehelichen Beziehung geboren und wolle nun um jeden Preis verhindern, daß Voja das Gleiche passieren würde. Diese Geschichte kam erst heraus, als ich Voja mit Mühe und Not soweit gebracht hatte, mich ab und zu in meiner Wohnung zu besuchen. Das hatte zwei Gründe: zum einen wollte ich sie Mama vorstellen, um Voja damit zu beweisen, daß ich es meinerseits ernst meine, und zweitens, weil ich in der Wohnung eine Abschlußkammer (ehemaliges Dienstbotenzimmer neben der Küche) bewohnte, wo wir ungestört sein konnten.
Das Vorstellen hatte gut funktioniert, Voja gefiel Mama und umgekehrt auch, aber das mit dem Ungestörtsein funktionierte nicht nach Wunsch. Das heißt, bis zu einem gewissen Punkt, und der hieß – „schmusen nur bis zur Gürtellinie“, alles andere war tabu. Dabei roch das Mädchen so wunderbar, eine Mischung von nur ganz zurückhaltend angewandtem Parfum und ihres überaus aufreizenden Körpergeruchs, der mich ganz verrückt machte wenn ich in ihre Nähe kam. Anfangs dachte ich es handle sich um normale Widerstände eines noch unerfahrenen Mädchens, was mir sogar imponierte, aber als ich merkte, daß es sich um ein prinzipielles „Nein“ handelte, wollte ich die Gründe wissen. So stellte sich dann die Geschichte mit der unehelichen Geburt heraus. Natürlich respektierte ich dies, wenngleich ich versuchte, dafür eine Lösung zu finden. So schlug ich Voja vor, mich ihrer Mutter vorzustellen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, in der Hoffnung, ich könnte ihr Vertrauen gewinnen. Das war mir vordem noch nie schwer gefallen. Immer war es mir noch in Gymmi-Zeiten gelungen, besorgte Mütter zu beruhigen, wenn es darum ging für deren Töchter eine Party-Erlaubnis zu erhalten. Ich versprach jeweils, ich würde die Tochter selbst abholen und auch wieder persönlich zur abgemachten Zeit zurückbringen. Damit gaben sich die Mütter immer zufrieden, im Gefühl ich sei vertrauenswürdig und halte mich an die Abmachung. Das klappte dann auch immer problemlos, wenngleich ich die Töchter nach dem Abholen ihre Wege gehen ließ, unter der Bedingung, daß sie sich unbedingt am abgemachten Ort und Zeit wieder mit mir treffen müßten, sonst wäre es aus mit den Parties.
Aber Voja weigerte sich mich vorzustellen und meinte, ihre Mutter könne niemand um den Finger wickeln, ich müsse die Sache eben akzeptieren wie sie sei. Es blieb mir also nichts anderes übrig und ich mußte mich mit der Realität begnügen, wollte ich nicht einen Bruch mit Voja riskieren. Jedoch hatte sich mit der Zeit unsere Beziehung abgekühlt und irgendwann war es dann aus.
Die Zeit danach fühlte ich mich eher erleichtert, wenngleich ich hin und wieder Sehnsucht hatte nach der ersten Zeit unsere Bekanntschaft, als alles so romantisch und neu war. Oft überlegte ich, ob ich vielleicht zu ungeduldig gewesen war und Voja dadurch in die Arme des anderen getrieben hatte. Auch schien mir nun die Erotik nicht mehr so wichtig für die Beziehung, wichtiger wäre doch das Einvernehmen, das Körperliche wäre ja mit der Zeit schon irgendwann gekommen. Der Stolz ließ es mir aber nicht zu, das Thema aufzunehmen und mit Voja zu klären. Ich mußte nach vorwärts schauen und zusehen, es ein anderes Mal besser zu machen. Es gab in Voja’s Klasse genug Mädchen, die gerne mit mir ausgingen, dafür auch Zeit hatten, nicht prüde waren und gerne schäkerten. Es waren keine tieferen Beziehungen, eher Flirts, aber vielleicht war gerade das besser für mich. Man ging an Tanzveranstaltungen, ich tanzte so gern – Swing, Cha-cha-cha und Twist waren gerade aufgekommen – und manchmal gab es auch Fahrrad-Touren, was gute Gelegenheit bot irgendwo im Grünen versteckt zu schmusen. Von der einen oder anderen, welche die räumlichen Möglichkeiten dazu hatte, wurde ich ab und zu, zu einem selbst gekochten Abendessen eingeladen, wenn niemand von der Familie im Hause war, oder ich ging an Parties, bei denen es sowieso hauptsächlich darum ging ein passendes Mädchen zu finden und sich in eine Ecke zu verziehen. So gab es einen Ausgleich zum komplizierten Verhältnis mit Voja. Es stand auch nichts meiner Freundschaft zu Orso und Co. im Wege, ich konnte meine jeweiligen Freundinnen zu einem Teil auch mitnehmen in die Clique, und es blieb daneben noch Zeit für Tennis und Baden, trotz der Vorbereitungen für die Matura.
Jetzt war aber mit dem Studium ein neuer Lebensabschnitt gekommen. Es war alles anders als bisher im Gymnasium, ich fühlte mich frei, ich hatte das Gefühl, erst jetzt beginne das Leben so richtig. Alle Türen schienen mir offen zu stehen und ich war auch offen für eine neue Liebe, für eine echte Gefühlsbeziehung.
Ein fehlgeschlagener Tennisball sprang mir an den Kopf und riß mich aus meinen Gedanken. Orso und Itzo riefen mit gespieltem Entsetzen laut nach der Rettung für den erneut blessierten Freund und meinten ich habe wohl von der blonden Rosschwanzträgerin geträumt. Ich solle doch lieber ihren Match schiedsrichten. Eine Weile machte ich noch den Umpire, dann ging ich nach Hause, ich hatte keine Lust auch selbst zu spielen.
Zu Hause erinnerte ich mich plötzlich an mein Versprechen an den „Knastbruder“ und den Kassiber, den er mir mitgegeben hatte. Jetzt erst nahm ich das Zettelchen in die Hand, es war an eine Frau gerichtet, ob Mutter oder Freundin war nicht zu erkennen. Die Adresse war eine Strasse irgendwo am Stadtrand, ohne Hausnummer, nur mit der Bezeichnung „o.Nr.“.
Andern tags machte ich mich auf den Weg. Mit dem Tram ging es bis zur Endstation, dann mußte ich mich durchfragen. Die zum Teil ungeteerten Strassen mit kleinen, verwitterten Häuschen und von schiefen Holzzäunen eingehagten Obstgärten, hatten keine Namenschilder. Das hellblau getünchte Häuschen, welches mir eine alte Frau beschrieben hatte, war das vorletzte. Schon von weitem hörte man eine schrille Frauenstimme kreischen, es blieb unklar ob aus Freude, oder Ärger. Ich öffnete das unverschlossene Gartentor und ging hinter das Haus, in Richtung Stimme. Neben einer Hand-Wasserpumpe befand sich ein hölzerner Waschtrog an welchem eine junge Frau unbestimmten Alters mit blondem, strähnigem Haar an einem Waschbrett Wäsche wusch und leise vor sich hinträllerte. Als sie mich sah richtete sie sich auf, stemmte die Hände an die Hüfte und sah mich wortlos an. Ich trat näher und fragte nach Ivanka, dem Frauennamen aus dem Kassiber.
Ohne mir direkt Antwort zu geben, fragte sie:
„Was wollen sie, sind sie von der Polizei?“
„Ich sollte Ivanka Grüße von Boris ausrichten,“ antwortete ich ausweichend, „der hat mich auch gebeten ihr einen Brief zu übergeben.“
Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und streckte die Hand nach dem Zettel in meiner Hand aus:
„Geben sie her,“ sagte sie unwirsch, ihre Stirne hatte sich in Falten gelegt.
„Sind sie Ivanka?“ wollte ich wissen, „ich darf den Brief nur Ivanka geben, hat mir Boris gesagt,“ blieb ich beharrlich.
„Ivanka!“ rief sie ärgerlich ins Haus und wendete sich wieder ihrer Wäsche zu, ohne mich weiter zu beachten. Eine Weile tat sich nichts, dann bewegte sich der angerissene Vorhang im Fenster neben dem Eingang ein wenig zur Seite, kurz war ein Frauengesicht zu sehen. Dann trat eine dünne, bleiche ebenfalls blonde, aber jüngere Frauengestalt aus der Eingangstüre.
„Der da will dir etwas von deinem Verbrecherbruder geben,“ knurrte die Wäscherin ohne den Kopf zu wenden.
Die jüngere trat an mich heran, etwas wie der Schatten eines Lächelns huschte über das knochige magere Gesicht, sie sah mich forschend aus großen braunen Augen an und reichte mir eine kraftlose Hand.
„Sind sie Ivanka?“ fragte ich abermals. Die junge Frau nickte.
„Ich habe einen Brief von Boris für sie,“ fuhr ich fort.
„Haben sie Boris gesehen?“ entgegnete Ivanka hastig, „War das im Knast? Wie geht es ihm? Hat er zu essen?“ fragte sie weiter.
„Wo soll der denn sein, als im Knast, der Ganove,“ zischte die andere, „auch das ist noch zu gut für ihn, den sollte man mal richtig verprügeln und ihm klarmachen, was er für Leid und Schande über seine Familie gebracht hat. Nicht genug, daß man arm ist und kaum weiß wo man das Geld hernehmen soll, muß man für ihn noch Bussen und Schadenersatz zahlen für seine Gaunereien. Wenn er wenigstens was Brauchbares stehlen würde, aber nein, alles so dummes Zeug, zusammen mit seinen Saufbrüdern. Wenn schon, dann sollte er sich mit richtigen Profis zusammentun, da hätte man auch was davon und sie würden ihn auch nicht so leicht erwischen, den Blödmann!“
„Rede nicht so von unserem Bruder, Nena! Du weißt er hatte es schwer, als er aus der Schule flog, es hat ihm ja keiner geholfen, und richtig arbeiten hat er nie gelernt. Vater hat ihm immer alles gekauft was er sich wünschte, er mußte sich nie anstrengen. Jetzt ist das aus, Vater ist mit der anderen Frau weg und Boris ist zu schwach um für sich selber zu sorgen. Und Mama, Mama ist nie da, die muß, wie wir beide, Geld verdienen.“
Ivanka setzte sich erschöpft auf die Treppe vor der Eingangstüre. Nena brummte etwas Unverständliches, schmiß die gewaschene Wäsche in einen Zuber und verschwand ins Haus. Verlegen gab ich Ivanka den Zettel und erzählte ihr ein wenig über meine „Bekanntschaft“ mit Boris: daß es ihm soweit gut gehe, daß er genug zu essen habe und daß er demnächst wahrscheinlich in eine Arbeitsanstalt für Jugendliche verlegt werde.
Ivanka las den Zettel aufmerksam und besorgt – ich kannte den Inhalt nicht, aus Anstand und auch aus Selbstschutz (besser man weiß nichts!) hatte ich nur Anrede und Adresse gelesen. Wie erwachend sprang sie plötzlich auf und bot mir – sich für ihre Unaufmerksamkeit entschuldigend – einen Kaffee an. Ich lehnte dankend ab und verabschiedete mich mit ein paar Worten. Ivanka reichte mir wieder die Hand, sie war ganz kalt und schien mir noch kraftloser, als bei der Begrüßung, aber sie lächelte ein wenig und begleitete mich bis zum Gartentor. Ich trat auf die Strasse. Ein paar Köter bissen sich spielend im Strassengraben, ich winkte Ivanka nochmals zu und schritt los.
Das erste was ich nun dachte war, jetzt brauche ich einen Schnaps. Am Vorortplatz bei der Tram-Endstation war ein Wirtshaus mit einigen wackligen Tischen und Stühlen auf dem Trottoir, ich setzte mich und bestellte einen doppelten Schliwowitz. Glühend fuhr mir das Getränk durch Kehle und Magen, aber alsbald sah ich die Geschichte etwas ausgewogener. Das war halt so in diesem Milieu, nichts Außergewöhnliches. Nur ich, aus meinem bürgerlichen Umfeld war sowas nicht gewohnt. Es mußte sich ähnlich verhalten haben bei den damaligen russischen Revolutionären anfangs des 20. Jahrhunderts, die allesamt aus der „besseren“ Gesellschaft stammten und – geschockt von der sozialen Misere der Massen – meinten sie müßten ihre Ideale umsetzen, koste es was es wolle. Und was war dabei herausgekommen? Von den Idealen waren nur Krümel geblieben, den Rest hatte die Realität zerrieben, wie man ja jetzt, sieben Jahre nach Kriegsende, tagtäglich im „sozialistischen Jugoslawien“ im Anschauungsunterricht erleben konnte: die früheren Reichen, die Herrschaftsklasse, war weg, die Neuen, die Parteibonzen waren an ihre Stelle getreten. Nur die Armen, die waren die Gleichen geblieben, aber man redete ihnen jetzt ein, das werde schon besser, der Wohlstand werde alsbald kommen. Nur: der kam nicht. Das war so eine Art vertrösten auf ein späteres Leben. Von irgendwoher kam mir das bekannt vor. Na ja!